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Krisen - Phasen der Machtdemonstration

Wie Minister*innen in der Krise performen

Die mediale und öffentliche Sichtbarkeit ist eines der wichtigsten Assets für politische Player. Denn nur wer sichtbar ist, kann sich inhaltlich positionieren, gewinnt an Bekanntheit und erhöht bei Wahlen und am politischen Karriereweg die Erfolgschancen. In der öffentlichen Sichtbarkeit von Politikerinnen und Politikern gibt es seit jeher ein großes Gefälle zwischen den Geschlechtern. Lange Zeit historisch bedingt durch einen starken, zahlenmäßigen Überhang von Männern in der Spitzenpolitik und den systematischen Ausschluss von Frauen. In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich die Besetzung der Ministerien und des Nationalrats jedoch deutlich zugunsten der Frauen verändert. Mit über 50 Prozent Frauen in der Regierung und knapp 40 Prozent im Parlament hat der Frauenanteil zuletzt einen noch nie dagewesenen Höchststand erreicht. Regelmäßige Untersuchungen von MediaAffairs zeigen allerdings, dass Politikerinnen trotz vermehrter Besetzung politischer Spitzenposten in der medialen Präsenz oftmals weit hinter ihren Kollegen liegen.

 

Von einem historisch hohen Frauenanteil in der Regierung ist besonders in den letzten drei Monaten medial nicht viel bemerkbar. Zu über 80 Prozent wird die Corona-Krise in der politischen Berichterstattung von Männern kommuniziert, trotz weiblicher Besetzung einiger krisenrelevanter Schlüsselressorts wie Wirtschaft, Arbeitsmarkt oder Europapolitik. Dass Kanzler oder Gesundheitsminister eine hohe Medienpräsenz erreichen, ist soweit erwartbar. Dass jedoch Player wie Innenminister Nehammer oder Finanzminister Blümel etwa doppelt so viel Berichtspräsenz generieren können, wie die erste weibliche Ministerin im Ranking, Landwirtschafts- und Tourismusministerin Köstinger, ist dann doch überraschend. Noch größer fällt der Abstand zu Wirtschaftsministerin Schramböck aus, welche nur zirka 40 Prozent des Berichtsvolumens Nehammers erreicht. Arbeitsmarktministerin Aschbacher kommt auf ein knappes Fünftel, obwohl ihr Ressort derzeit sachlich wahrscheinlich nicht unwichtiger ist als das Innenressort.

Und Bundeskanzler Kurz erreicht überhaupt gleich 60 Prozent mehr Berichtsvolumen als alle Ministerinnen der Regierung zusammen!


 

Weshalb ist das so?

Corona macht offensichtlich, wem die Profilierung gelingt und wem nicht. Es zeigt sich in der Berichtspräsenz wer als wichtig genug erachtet wird, um eine mediale Bühne zu erhalten, auf wen gehört wird, wenn die Lage ernst ist und wo letztlich die Macht liegt, um in einer solchen Ausnahmesituation Entscheidungen zu treffen und Weichen zu stellen. In der Politik, wie in vielen anderen Bereichen ziehen Frauen derzeit den Kürzeren, Gründe gibt es mehrere. Hier die wichtigsten:

  1. Krisenzeiten sind Zeiten der Machtdemonstration! Die aktuellen Zahlen zeigen, dass Frauen zwar an der Spitzenpolitik teilhaben, dort jedoch nicht im Epizentrum der Macht angekommen sind.
  2. Netzwerke halten zusammen: Wenn es hart auf hart kommt, etwas schief läuft oder eingespart werden muss, dann trifft es oft die weniger gut vernetzen Frauen, die verlieren oder gehen müssen. Das relativ brutale, öffentliche Absägen von Ulrike Lunacek ist ein solches Beispiel.
  3. Eine Krise verengt auch den Blick der Medien und den Platz auf der Bühne! Gefragt ist in der Krise tendenziell die erste Reihe – egal ob in den großen Parteien oder Konzernen von öffentlichem Interesse – an der Spitze stehen meist Männer – selbst in „Frauenbranchen“ wie dem Handel oder im Gesundheitssektor.
  4. Medialer und öffentlicher Erfolg ist immer auch eine Frage von Profilierung und Auftritt! Auftritt und insbesondere Rhetorik vieler Politiker sind oftmals stärker, authentischer und polarisierender als jene der Politikerinnen. Eine Rhetorik, welche Kampf, Gefahr, Tod und Ausnahmezustände ins Zentrum rückt und bildlich greifbar macht, polarisiert und erreicht höhere Resonanz – nicht zuletzt, weil dies medial gut vermarktbar ist. Dass Fakten dabei manchmal zu kurz kommen, ist ein anderes Thema.

Die derzeitige Situation ermöglicht einen sehr klaren Blick auf eine Realität, in der patriarchale Strukturen wesentlich offensichtlicher zutage treten als in „Normalzeiten“. Dass speziell in dieser Krise das „Frauenthema“ zum Nischenthema erklärt wird, untermauert dies nur. Krisen sind zudem immer auch Phasen der Neustrukturierung und -ausrichtung, wenn diese ohne Frauen passiert, wirft das die Gleichberechtigung weit zurück.

 

Quelle Grafiken: MediaAffairs
Quelle Titelbild: Adobe Stock

Rückfragen:
Mag.a Maria Pernegger
m.pernegger@mediaaffairs.at

22.06.2020